Für Erwachsene

Näähglück-Adventskalender: Cape-Mantel Hilkka

Das war tatsächlich das Projekt im Näähglück-Adventskalender, auf das ich am meisten gespannt war: Eine Weste mit Cape und Kapuze. Lange bevor der Schnitt überhaupt existierte, habe ich mit der technischen Zeichnung als Anhaltspunkt eine riesige Menge Bio-Softwalk bestellt und den im größten Stoffpaket meines Lebens bekommen. Und dann habe ich voll Vorfreude auf den Schnitt gewartet.

Hilkka ist ein sehr variables Schnittmuster; man kann Cape, Weste, Kragen und Kapuze wild kombinieren und auch verschiedene Kantenversäuberungen wählen. Im Probenähen habe ich gelernt, dass „Punahilkka“ auf Finnisch „Rotkäppchen“ heißt, und aus rotem Walk kommt das auch ziemlich gut hin. Ich wollte aber nicht als Rotkäppchen durch die Gegend laufen; das kommt mit Ende Dreißig und meiner Körperlänge nicht so gut. Deshalb lieber Petrol. Allerdings wollte ich unbedingt die „Vollversion“ nähen, also eine Weste mit fest verbundenem Cape und einer Kapuze. Und das habe ich dann auch getan, deshalb wird das hier ein langer Beitrag.

Für einen Teil der Kanten habe ich Wolltresse bestellt, weil Belege und Säume aus Walk sehr steif werden können und ich mir gewünscht habe, dass das Ganze einigermaßen schwingt und fällt. Im Dunkeln dachte ich auch, dass mein Reißverschluss farblich super passt. Das sah bei Tageslicht anders aus, aber er sitzt zum Glück so weit hinter der Wolltresse, dass es nicht sehr auffällt.

Wahnsinn, hat so ein Schnitt viele Einzelteile! Ich habe dieses Mal total strukturiert nach Anleitung genäht und hatte außerdem ein Probestück gemacht – eine Rarität in meinem Näh-Leben, es hatte sich aber für manche Denkknoten total gelohnt. Das Vorderteil der Weste hat zwei Teilungen; eine dient als Brustabnäher, in der anderen sitzen die Taschen.

Ich hab den Reißverschluss superpenibel gesteckt und ganz langsam genäht, aber ich hatte trotzdem einen ganzen Zentimeter Versatz. Er soll zwar zugunsten der Bewegungsfreiheit nicht bis ganz unten gehen, aber ich finde ihn etwa fünf Zentimeter zu kurz, und er wellt sich zu sehr. Also trenne ich ihn noch mal ab. Da er nur hinter die Wolltresse gesteppt ist, ist das wirklich ein harmloser Aufwand. Den Reißverschluss finde ich aber den einzigen Makel an dem Kleidungsstück.

Durch die Wellen hat nämlich die Weste immerzu seltsame Beulen an der Vorderseite, und egal, wo ich sie wegdrücke, sie kehren immer wieder zurück. Das finde ich auf Dauer nicht so hübsch und vor allem unbequem. In Kombination mit den fehlenden Zentimetern Länge springt die Weste außerdem unten auf. Auch das finde ich optisch nicht den Knaller. Aber es ist zum Glück heilbar.

Auf der Rückseite hat die Weste drei Teilungsnähte, durch die die Weste tailliert wird. In meinem Fall sieht man sie nie, weil das Cape drüberhängt, aber für die Passform (und gegen Zugluft an den Nieren) ist die Taillierung trotzdem Gold wert.

Die Weste hat im oberen Teil Belege, die für saubere Kanten an Armausschnitten und oberen Rändern sorgt. Diese Belege werden alle zusammengesetzt und dann in einem Stück in die Weste eingenäht. Ich habe sie an den offenen Kanten festgesteppt, obwohl ich erst Sorge hatte, dass das dann optisch zu viele Nähte auf dem Kleidungsstück werden. Im Walk verschwinden sie aber fast, da stört das gar nicht.

An den Armlöchern war ich wirklich dankbar für die gute Bebilderung im Ebook. Man sollte die Belege dort einnähen „wie einen Wendeloop“, aber das sagte mir gar nichts. Ich nähe nie Wendeloops. Die Bilder haben mein Rätsel aber gelöst. Am ersten Armloch habe ich in fünf Teilstrecken gearbeitet, die ich immer brav verriegelt habe, damit bloß nichts verrutscht. Im zweiten Armloch brauchte ich nur noch zwei Teilstrecken. In einem Rutsch geht das bei so dickem Walk auch definitiv nicht.

Gefreut habe ich mich über die Taschen. Sie bestehen komplett aus Walk, ich habe innen keinen dünneren Stoff als Futter genommen. Meine Probeweste war aus Jacquard gewesen, also einem nicht empfohlenen Stoff. Bei der hatten sich die Taschen sofort labberig nach außen gewölbt, und ich hatte schon überlegt, ob ich die Taschenkanten verstärken muss. Mit dem Walk trat das Problem gar nicht auf, da bleiben die Tascheneingriffe, wo sie sollen.

Bei den Kantenversäuberungen habe ich nach Bauchgefühl gemischt. Die Weste hat oben und unten Belege bekommen, an der Vorderkante aber eine Einfassung aus Wolltresse. Das macht das Einnähen des Reißverschlusses so viel leichter, weil man den dicken Walk dann nicht umklappen und absteppen muss. Das Cape hat Belege an der Vorderseite bekommen, die untere Kante habe ich einfach offen gelassen. Bei Walk ist das wurscht, da franst nichts aus, und ich wollte nicht aussehen, als wenn ich einen Reifrock unter dem Cape trage. Mit dünnerem Walk hätte ich vielleicht auch unten Belege genäht, mit diesem lieber nicht. Die Kapuze habe ich mit Wolltresse eingefasst, weil ich auch da wollte, dass die Kante nicht zu steif ist.

Ungewohnt beim Tragen ist erst mal, dass die Arme nur so halb gewärmt werden. Zugluft hält der Walk super ab, aber von vorn ist ja nichts vor den Armen, und das geht im Winter sicher nur mit einem ordentlichen Pullover drunter. Ich will das Cape auch nicht immer vorn zuhalten, dann sehe ich aus wie ein Zauberer, der seine Tauben und Kaninchen vor dem Auftritt festhalten muss.

Im Stehen ist es weniger ein Problem, da fällt das Cape schön über die Schultern und Arme, aber in Bewegung entwickelt es natürlich mehr Dynamik und macht, was es will. Na ja, das ist alles eine Sache von Unterziehkleidung und Gewohnheit. Froh bin ich aber über die Entscheidung, dem Cape noch einen weiteren Zentimeter Schulterweite zu verpassen, zusätzlich zu den fünf, die ich ohnehin schon immer zugeben muss. Dadurch spannt nichts, und die Schulterwölbung des Capes sitzt, wo sie sein soll.

In den Tagen, in denen dieser Cape-Mantel entstanden ist, habe ich ein Hörbuch über mittelalterliche Tuchhändler gehört, in dem es ganz viel um Wolle, Tuche, Farben und Weber ging. Das passte einfach zu gut, und es war schön, so ein tolles Material mit den Händen zu verarbeiten und dabei diese Geschichte zu hören. Wenn ich jetzt das große, schwere Walkstück hochhebe und anziehe, fühle ich mich, als hätte ich mir damit ein großes Geschenk gemacht. Sicher ist das Kleidungsstück nicht jedermanns Sache, aber für mich ist es ein Stück begreifbare Achtsamkeit, so bewusst damit umzugehen. Das tut mir gerade jetzt ziemlich gut.

Verlinkt zu The Creative Lover, Du für dich am Donnerstag und sew la la

Das Schnittmuster wurde mir im Rahmen des Probenähens kostenlos zur Verfügung gestellt.

5 Kommentare zu „Näähglück-Adventskalender: Cape-Mantel Hilkka

  1. Wow, liebe Mareike!
    Das sieht mega schön aus!
    Wenn es noch Ärmel zur Weste gäbe, würde ich mir den Schnitt ganz sicher sofort kaufen. Jetzt muss ich erstmal überlegen, wie ich das mit den Armen löse. Vielleicht eine Jacke mit dünnem Mittelteil und sehr warmen Ärmeln 🤔.
    Ich grüble mal und Nähe derweil weiter für die Kinder
    Liebe Grüße
    Petra

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    1. Liebe Petra,
      vielen Dank für das Lob!
      Im Probenähen haben auch mehrere Frauen nach Ärmeln gefragt, und es passen die Ärmel des Pullis Veera und des Windbreakers Ysäri in diese Weste. Das haben einige auch nach den Fotos nachgerüstet, weil sie – wie du – warme Arme haben wollten.

      Liebe Grüße
      Meike

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  2. Liebe Meike,
    dieses Kleidungsstück steht Dir ausgezeichnet!!!!
    Ich bin hin und weg, ehrlich! Tolle Farbe, tolles Material, noch tollere Verarbeitung! Man merkt, Du bist kein Anfänger.
    Wie jedes Jahr habe ich mir den Adventskalender von Näähglück gegönnt und wie jedes Jahr schaue ich mir dazu Deine Blogartikel an. Ich finde, niemand erklärt so offen und ehrlich, wo evtl. Mängel versteckt sind und wo man vielleicht ein bisschen aufpassen sollte.
    Für nächsten Winter werden ich mir auf jeden Fall auch ein schönes Käppchen nähen.
    Ich wünsche Dir noch ein gutes neues und vor allem gesundes Jahr 2021.
    Liebe Grüße
    Natalie

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Natalie, vielen lieben Dank für diesen tollen Kommentar, über den ich mich riesig freue! Die ehrliche Betrachtung ist das, was mir am Herzen liegt, und ich finde total schön, dass das bei dir auch so ankommt.
      Viele liebe Grüße und viel Spaß beim Nähen!

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  3. Liebe Meike, über die Suche nach Wolltresse bin ich auf diesen Beitrag und überhaupt deinen Blog gestoßen – und habe in den letzten Tagen voller Begeisterung viel darin gestöbert: Durch deine so sympathische und gleichzeitig ehrliche Schreibweise macht es total Spaß, ihn zu lesen und ist er gleichzeitig so lehrreich und inspirierend! Danke für all die Mühe, deine Erfahrungen hier zu teilen! Liebe Grüße, Christiane

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