Kindersachen

Was wer glaubt und was wer mag

Letzte Woche hat mich der kleine Stöpsel stolz und gerührt gemacht: Wir haben uns (aus einem Anlass, den ich nicht mehr zusammenkriege) beim Abendbrot über Glauben unterhalten. Ich habe mein Bestes gegeben, um dem großen und dem kleinen Stöpsel die Themen Glaubensfreiheit und Religionsfreiheit hier und woanders kindgerecht zu erklären. In dem Gespräch habe ich ihnen auch erzählt, dass es Länder auf der Welt gibt, in denen der Staatschef bestimmt, was alle glauben müssen, und Länder, in denen Frauen weniger zählen als Männer, weil manche Menschen glauben, dass ihre Religion das so vorgibt.

Noch plastischer wollte ich das machen, indem ich den Jungs erzählt habe, dass Frauen in diesen Ländern nicht ohne einen Mann rausgehen dürfen, und dass als Mann sogar schon der kleine Stöpsel mit seinen fünf Jahren zählen würde, weil er in jener Kultur mehr wert ist als eine erwachsene Frau. Der kleine Stöpsel hörte sehr konzentriert zu und sagte dann: „Da haben es ja Familien gut, in denen es zwei Papas gibt!“ Ich hätte das Kind knuddeln und gleichzeitig ein Tränchen verdrücken können. Mich hat einfach froh gemacht und traurigerweise auch ein bisschen stolz, dass für meine Jungs eine Selbstverständlichkeit ist, dass jeder Mensch aussuchen kann und darf, wen er liebt. Schöner wäre, wenn das nichts Besonderes ist.

Ich denke, dass Weltanschauung zwar stark von der Familie vorgelebt, aber auch ordentlich von der Lebensumgebung beeinflusst wird. Und wir wohnen in einer vornehmlich konservativen Berliner Stadtrandumgebung, wo das Stöpselchen nur Rot und nicht mal Rosa anziehen muss, um „die Kleine“ zu heißen. Gleichgeschlechtliche Paare habe ich in unserem Ortsteil noch nie bewusst wahrgenommen. Wir haben aber im Freundeskreis zwei gleichgeschlechtliche Ehepaare, von denen zumindest eins in Berlin lebt und für die Kinder von Geburt an regelmäßig präsent war.

Ich hoffe ganz fest, dass die kleinen Stöpsel schaffen werden, ihre und unsere Lebenseinstellung gegen konservative Klischees zu verteidigen, wenn sie größer werden und sich der Umgangston in Schule und Freizeit vielleicht ändert.

Ein gesundes Selbstbewusstsein erlebe ich glücklicherweise schon mal bei beiden Kindern in Bezug auf ihre persönlichen Vorlieben. Die Fotos vom großen Stöpsel in seinem neuen Lieblingspullover sind im Urlaub entstanden, und in dem Outfit mit der Leggings rief ihm ein Kind hinterher: „Du siehst aus, als wenn du im Schlafanzug bist!“ Der große Stöpsel rief zurück: „Mir ist egal, was du denkst!“, fuhr weiter und hakte das Thema ab. Später sagte er zu mir: „Meike, ich ziehe mich einfach nicht so gern passend an.“ Nee, ist klar. Und nicht zu übersehen übrigens.

Diesen Stoff, von dem wir seit Wochen diskutieren, welche Raubkatze er nun zeigt (wir sind bei Luchsen hängen geblieben), hat der große Stöpsel entdeckt, als er mir beim Online-Stoff-Shopping über die Schulter geguckt hat. Er musste ihn UNBEDINGT haben, und ich habe schnell noch vor dem Urlaub einen Pullover daraus genäht. Der Schnitt ist Pinio von Firlefanz, der in Größe 146 (auf Zuwachs) nicht ohne Teilungen auf einen Meter passt.

Ich hab die Teilung doof gesetzt; mit Bauchtasche funktioniert eine Teilung vorn eigentlich nicht. Aber der Makel liegt jetzt innen in der Tasche, das stört niemanden, und dafür sind mir die Eingriffe ausnahmsweise gut gelungen. Die vordere Naht habe ich offensiv abgesteppt, damit die dicke Overlocknaht nicht so absteht. Der große Stöpsel findet das glücklicherweise schick.

Bei den Ärmeln war ich zu eilig; bei einem Bündchen stehen die Katzen auf dem Kopf. Auch das ist dem großen Stöpsel egal, er findet den Pullover unnachahmlich toll und hat im Urlaub jedes Mal stolz berichtet, wenn ihn jemand positiv darauf angesprochen hat. Und ich freue mich, dass er sich in seinem Pulli so gut fühlt, dass er doofe Sprüche souverän an sich abperlen lassen kann.

Verlinkt zu Creative Lover, Nähzeit am Wochenende und Menschen(s)kinder

3 Kommentare zu „Was wer glaubt und was wer mag

  1. Ich kenne euch zwar nicht, aber in vielen Beiträgen kommt deine ganze Familie sehr sympathisch rüber! Ich finde es super, dass deine Jungs schon wissen, was sie wollen und dazu stehen! (Mir als Erwachsener fällt das manchmal soo schwer!). Der Pulli gefällt mir auch sehr gut!
    Gibt es für die Linkparty eigentlich auch einen eigenen Hashtag für die Teilnahme bei Instagram???
    Viele Grüße,

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, Ani, das ist total nett von dir.
      Ja, ich hätte auch manchmal gern eine Scheibe von der gelassenen Souveränität meines Sohnes. Die verlässt ihn aber auch noch oft genug, also alles altersgerecht.
      Nein, einen Hashtag gibt es nicht, ich bin nicht bei Instagram. Und Karin als Menschen(s)kinder-Mutter ist es auch nicht (mehr). Viele Grüße!

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  2. Liebe Meike, aus den Aussagen des Nachwuchses ist mehr als deutlich, wie weltoffen (im wahrsten Sinne des Wortes) ihr Eure drei erzieht, das ist wirklich toll. Sehr rührend, mit den zwei Papas…
    Und der Pulli ist sowieso klasse. Die Luchse sind sehr schick und unterstreichen den Typ vom großen Stöpsel sehr. Und die Hose dazu ist auch klasse 🙂 Danke für diesen schönen Beitrag, den ich mehrfach gelesen habe, weil er so schön ist!! Liebste Grüße! Karin

    Gefällt 1 Person

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