Für Erwachsene

Unfall-Cardigan mit viel Lerneffekt

Im Näähglück-Adventskalender steckt dieses Jahr der Cardigan Siiri, der mich sofort gereizt hat, als ich das Probemodell von Sophie Kääriäinen gesehen habe. Ich mochte die Ausschnittform, den Verlauf der Vorderteile am unteren Saum und optisch auch die Paspeltaschen. Optisch deshalb, weil ich bisher durchgehend an der sauberen Verarbeitung von Paspeltaschen gescheitert war. Aber ohne neuen Versuch kann man ja auch nichts dazulernen. Also auf in den Kampf!

Ich habe inzwischen oft genug Näähglück-Schnitte genäht, um im Schlaf zu wissen, wie ich sie an meine Körpermaße anpassen muss. Das habe ich hier auch getan und fand es nur deshalb anspruchsvoller als sonst, weil die gesamte Außenkante mit einem Beleg verstürzt wird und ich bei der Schultererweiterung die Ausschnittrundung verändert hatte. Das musste ich nun auch am Beleg schaffen. Trotzdem war ich mir meiner Sache sicher genug, um nicht erst ein Probemodell aus einem „ollen“ Stoff zu nähen.

Stattdessen habe ich den allerschönsten Stoff aus meinem „Für mich“-Regal zerschnitten: Zwei Meter „Glam Drops“-Jacquard von Albstoffe in Blau-Gold, den mir eine liebe Freundin zum Geburtstag geschenkt hatte. Vor meinem inneren Auge sollte das ein perfekter für-alle-Gelegenheiten-Cardigan werden, leger-elegant, aber weich und gemütlich. Dazu habe ich gefühlt stundenlang auf einer Kreativ-Online-Handelsplattform nach passenden Knöpfen gesucht und am Ende dunkelblaue Vintage-Knöpfe bei einem kleinen Händler in Dijon bestellt. Und dann bin ich voller Euphorie ans Werk gegangen.

Wenn in der Adventswerkstatt die Schnitte für den Näähglück-Adventskalender getestet werden, gibt es noch keine bebilderten Anleitungen, sondern erst mal nur stichpunktartige Textanleitungen. Ausnahmsweise gab es aber einzelne Bilder für das Fertigen der Paspeltaschen. Die habe ich hochmotiviert befolgt, penibel gemessen und geschnitten, habe sogar gebügelt – was ich fast immer schwänze – und war total euphorisch, dass es dieses Mal klappt mit den Paspeltaschen. Bis ich sie gewendet und entsetzt erkannt habe, dass ich sie von der falschen Seite angenäht hatte. Ich hätte heulen können. Ja, das Stöpselchen macht die Nähmaschinen ganz gut mit, aber Messen, Schneiden, Stecken, Auftrennen und Konsorten sind mit Tragetuch unheimlich umständlich, weil man sich nicht vorbeugen kann und so viel Abstand zwischen Augen und Händen hat.

Die weiteren Schritte waren frustfrei. Weniger Spaß gemacht haben die Belege, da weiß ich jetzt, dass sich Jacquard nicht gut mit Belegen verarbeitet. Entweder müsste man Rand und Belege verstärken oder man muss mit Ungenauigkeiten leben. Das Material ist so weich und dehnbar, dass mir exakte Ergebnisse nicht möglich erscheinen. Selbst frisch gebügelt sieht der Beleg krumpelig aus.

Irgendwie weiß ich am fertigen Stück immer noch nicht so richtig, ob ich den Schnitt mag. Ich glaube, dieses verunfallte Modell taugt mir da nicht als Maßstab. Ich müsste den Cardigan wohl noch mal unfallfrei nähen, damit ich ihn mir unvoreingenommen ansehen kann. Die Knöpfe aus Dijon jedenfalls passten dann doch nicht dazu. Ich hatte möglichst dunkel-dunkelblaue Knöpfe bestellt, die waren dann aber doch viel zu dunkel. Und die Abnutzungserscheinungen, dank derer die Knöpfe „Vintage“ heißen durften, sahen mir dann doch zu abgeranzt aus. Also bleibt die Jacke jetzt einfach knopflos. Ich mache Jacken sowieso selten zu.

Der Cardigan ist nun nicht so schlicht-elegant wie geplant, sondern eher individuell-speziell, und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich den Stoff verhunzt habe. Zum einen ist wohl einfach insgesamt ungewohnt, dass er innen so sehr anders aussieht als außen und man das bei einem Cardigan in Bewegung nun mal sieht.

Zum anderen mag ich den blauen Hintergrund mit den Tropfen so gern, dass ich mich nicht richtig mit der changierenden Rückseite anfreunden kann.

Und ich habe beim kritischen Blick in den Spiegel und auf die Fotos gesehen, dass der Schnitt für meinen Geschmack (noch) nicht wirklich gut sitzt. Ich finde die Ärmel zu weit, und sie sind außerdem zu lang. Ich habe sie nach Maß geschnitten und gesäumt, hatte dabei aber nicht berechnet, wie weit die Schulternähte nach außen rutschen. Da das bei allen Wichtelinnen so ist, sind es anscheinend leicht angeschnittene Schultern. Mir ist das aber zu viel Stoff unter den Armen, und die Brustabnäher sitzen auch zu weit hinten.

Ich glaube deshalb, dass ich – sobald das Stöpselchen seine Mama-Fixierung zumindest phasenweise löst – den Cardigan noch mal umarbeiten werde. Die Vorderteile abtrennen, Stoff an Ärmeln und Seiten wegnehmen, vielleicht doch die Belege verstärken und leider dann eben auch die Paspeltaschen noch mal nähen. Sonst wär es einfach zu schade um den Stoff!

Verlinkt zu Selbermachen macht glücklich

Den Schnitt für den Cardigan „Siiri“ habe ich im Rahmen der Näähglück-Adventswerkstatt kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen. Meine Meinung dazu ist trotzdem ehrlich.

6 Kommentare zu „Unfall-Cardigan mit viel Lerneffekt

  1. Mir gefällt deine vorne klassisch hinten „bunt“ richtig gut. Genauso wie das leicht überschnittene an den Ärmeln. Und in der kalten Jahreszeit sind doch lange Ärmel auch richtig praktisch warm.
    Lg Iris

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    1. Ich zieh die Jacke einfach mal ein, zwei Tage im Alltag an und beobachte, ob ich mich damit wohlfühle. Im Moment weicht sie noch so stark von meinem Plan ab, dass ich mit ihr hadere. Aber vielleicht gewöhne ich mich dran…
      Liebe Grüße
      Meike

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  2. Mir geht es so wie dir auch. Ich finde die Topfen total schön. Allerdings bin ich mir unsicher, ob ich mir die Arbeit echt machen würde, alles aufzutrennen. Lohnen würde es sich. Der Stoff ist einfach zu schön, um nur halbgeliebt im Schrank zu liegen.
    Der Innen-Außen-Effekt gefällt mir gut. Es ist doch toll, wenn so ein Jäckchen eine vorzeigbare Innenseite hat. Die blitzt doch immer mal hervor.
    Ich habe auf jeden Fall gelernt, dass es sich durchaus lohnt Einlage aufzubügeln. Da bin ich oft sehr sparsam mit, weil ich bügeln nicht soooooooo furchtbar gerne mache.
    Viele Grüße von Maryme

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    1. Hallo Maryme,
      ich habe das mit dem Bügeln an dieser Jacke auch gelernt. Das würde ich nicht noch mal sparen. Und ich bin ganz furchtbar skeptisch, ob ich in den nächsten zwei Jahren zum Auftrennen komme, wenn das Stöpselchen genauso schlecht einschläft wie seine großen Geschwister. Da ist wenig Geduld im Angebot. Zum Glück sind Stoffe ja zeittolerant. Ich hab es auf jeden Fall vor!
      Viele Grüße!

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  3. Also ich finde die Tropfen wunderschön, der Schnitt gefällt mir ehrlich gesagt nicht so. Von vorn und hinten sieht er aus wie eine sehr gemütliche Jacke, die Ärmel sind eher so wie ein Cardigan. Das Innenleben würde mich nicht stören und die Taschen sind sehr schön. Also ich würde trennen und ändern. Viele Grüße Ingrid und viel Glück beim schnellen Schlaf

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    1. Liebe Ingrid, da geht es uns ja ähnlich. Ich mag fast alle Näähglück-Schnitte, aber dieser ist doch eher eine meiner persönlichen Nieten. Man kann daran bestimmt gut üben, einen Stoff zu retten… Danke und liebe Grüße!

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