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Lebenskleidung-Projekt: Wärme nähen

Im Oktober bin ich über Facebook auf einen Aufruf des Bio-Stoff-Großhändlers Lebenskleidung aufmerksam gemacht worden, den ich bis dahin tatsächlich noch nicht kannte. In Zusammenarbeit mit der Berliner Obdachlosenhilfe betreut Lebenskleidung das Projekt „Lasst uns Wärme nähen“. Wer sich anmeldete, bekam kurze Zeit später zwei Meter Sweat oder Nicki und einen halben Meter Bündchenware mit der Aufgabe, daraus einen Hoodie zu nähen. Diesen Hoodie schickt man dann an Lebenskleidung zurück, von wo aus er an die Obdachlosenhilfe und am Ende an einen Berliner geht, der auf der Straße lebt.

Das fand ich absolut ehren- und unterstützenswert. Meine Nähzeit mit dem Stöpselchen ist zwar extrem begrenzt, aber einen Hoodie-Schnitt hatte ich fertig in der Schnittmustermappe, und es gab für das Projekt kein festes Fertigstellungsdatum.

Als meine Stoffsendung kam, war ich erst mal bass überrascht: Ich habe roten Kuschelsweat mit pfirsichfarbenem Bündchen ausgepackt. Erwartet hatte ich dunkelbunte Stoffe: Grau, Schwarz, Braun, Dunkelgrün. Praktisch und unempfindlich eben. Im zweiten Moment habe ich mich über die Farben gefreut. Braun wird nicht weniger schmutzig als Rot, man sieht das nur weniger, und vielleicht ist der künftige Träger ja auch mal dankbar für eine warme, freundliche Farbe.DSC_0573Ich habe die Stoffe gewaschen und mich ans Werk gemacht, den Hoodie „Christian“ von Rockerbuben auszuschneiden. Der ist eigentlich dafür ausgelegt, mehrfarbig genäht zu werden, weil man dann die interessante Teilung auf dem Vorderteil besser sieht. Aber Nähte teilen auch einfarbige Flächen sichtbar.DSC_0632 (2)Bei der Wahl zwischen Schalkragen und Kapuze habe ich die Kapuze gewählt, weil Wärme am Kopf noch wichtiger ist als am Hals. Eigentlich soll die Kapuze mit Jersey gefüttert werden, aber ich hatte absolut keinen männertauglichen da, der zu Rot passte. Und ich wollte keinem erwachsenen Mann Bauarbeiter-Ameisen oder den kleinen Drachen Kokosnuss zumuten. Also habe ich die Kapuze auch innen aus dem Lebenskleidung-Sweat genäht und breit abgesteppt. Das ist gar nicht steif geworden, insofern war es wohl eine gute Entscheidung.DSC_0633 (2)Das Nähen ging wirklich schnell, da war ich dann froh, dass ich mich angemeldet und uns den Zeitaufwand zugetraut hatte. Interessant für mich war sozusagen der Materialtest, weil ich Lebenskleidung-Stoffe noch nie in der Hand gehabt hatte. Der Sweat ist eher dünn, aber innen flauschig angeraut und dadurch sehr kuschelig. Das ist eine wahnsinnige Sauerei in Waschmaschine und Trockner, weil alles voller großer roter Textilflocken war, die beim Anfassen zerfallen sind, aber im fertigen Kleidungsstück toll. Überraschend dünn fand ich den Sweat; für eine Jacke wäre er aus meiner Sicht eher nicht geeignet. Für einen Kuschelpulli aber perfekt.

Ehrlich gesagt entsetzt war ich von der Bündchen-Qualität. Es ist 2×2-Bündchen, also Feinripp, und das ist hart und schlecht dehnbar. Mein Bündchensortiment ist sonst durchgehend von Stoffonkel und Lillestoff, also sehr weich und flexibel, und da war dieses steife Zeug eine echte Zumutung.DSC_0631 (2)Für den Hoodie Christian gibt es Schnittmusterteile für die Bündchen, nicht nur Maße, und ich habe genauso geschnitten und genäht wie vorgegeben. Die Bündchen finde ich, gerade mit dem harten Material, zu weit. Das sieht nicht so besonders schön aus.

Trotzdem mag ich den fertigen Pullover und freue mich wirklich an der Vorstellung, dass er einen wohnungslosen Menschen wärmen wird.DSC_0630 (2)Im Anschreiben stand, dass auch Hygienespenden gern gesehen sind. Also habe ich das Päckchen, in dem ich den Hoodie verschickt habe, aufgefüllt mit Zahnbürsten, und zwar vorwiegend Reisezahnbürsten. Wer kein Badezimmer und keine Stelle für einen Zahnputzbecher hat, kann eine sauber transportierbare Zahnbürste wohl doppelt gut brauchen.DSC_0634 (2)Gezögert habe ich, als ich die Stoffreste nach dem Nähen zusammengefaltet habe und damit vor meinem Stoffregal stand. Zwei Meter sind ja sehr üppig für einen Hoodie, zumal ich tippen würde, dass der Sweat Überbreite hat. Aber für noch einen hätte es nicht gereicht, und Lebenskleidung kann mit dem angeschnittenen Stück wohl auch nichts mehr anfangen. Irgendwie habe ich trotzdem ein schlechtes Gewissen, das Material jetzt in den „Privatgebrauch“ zu nehmen. Immerhin werde ich den (sehr großen) Rest vom Bündchen komplett in die Frühchen-Spenden-Kiste verfrachten. Vielleicht sind da andere nähende Menschen weniger kritisch als ich…

Verlinkt zu Selbermachen macht glücklich

6 Kommentare zu „Lebenskleidung-Projekt: Wärme nähen

  1. Ich hab leider erst vor ein paar Tagen von der tollen Aktion erfahren und hätte sehr sehr gerne mitgemacht. Der Hoodie ist wirklich sehr schön tragbar geworden, auch wenn ich die Bündchenfarbe nicht ganz passend finde. Wenn dann sich noch für Qualität nicht stimmt, ist das schade. Ich kannte den Shop schon bevor ich Stoffonkel kennenlernte, habe dort aber nie bestellt, weil es kaum Musterstoffe gibt und mir der Meterpreis zu teuer ist, um Vergleich zu anderen Stoffen in gleicher Bio-Qualität. Ich kenne übrigens noch ein paar Näher*innen die beim Projekt mitgemacht haben und sie hatten alle so viel Rest der in ihre eigene Stoffkiste gewandert ist. Vielleicht ist das dir Art von Lebenskleidung um Danke zu sagen 🙂 Auf jeden Fall auch von mir ein großes Daumen-hoch, dass du bei der Aktion mitgemacht hast! Liebe Grüße!

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    1. Hallo Noelana, Danke für deinen wertschätzenden Kommentar, der freut mich sehr. Ja, mit den Bündchen habe ich wirklich gehadert. Aber geschenkt ist geschenkt, und Lebenskleidung wird sich wohl etwas dabei gedacht haben, das so zu kombinieren. Auf den Gedanken, dass mit Absicht so viel Reste entstehen, bin ich gar nicht gekommen. Den lasse ich mal sacken… Vielleicht gibt es das Projekt ja nächstes Jahr wieder und du siehst es dann rechtzeitig. Bei mir war’s auch Zufall. Liebe Grüße

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  2. Das ist ja eine tolle Aktion! Aber gab es die Vorgabe nur Männerhoodies zu nähen? Die Farben, vor allem das Bündchen, wirken ja eher weiblich. Vllt kannst du den Rest ja auch für Frühchen abgeben, eine warme kleine Decke springt bestimmt noch heraus. Liebe Grüße, Ina

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    1. Hallo Ina, ja, die Vorgabe lautete schon in der Ausschreibung, vorrangig Pullover für Männer zu nähen. Und es haben ganz viele Teilnehmerinnen diese Kombination bekommen, die ich auch hatte. Verwunderung machte sich überall breit…. 🙂

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  3. Hallo liebe Meike!
    Da ist ein etwas ungewöhnlicher Hoodie in der Zusammenstellung der Farben entstanden, ich find’s auch komisch. War wohl über?
    Ich habe auch am Projekt teilgenommen und eisblauen Sweat mit meergrünem Bündchen erhalten. Ich hab tatsächlich einen kompletten Pullover und die Vorder- und Rückseite eines zweiten Pullover raus bekommen. Den Stoff für die Ärmel hab ich aus meinemFundus ergänzt. Ich hab allerdings keine Kapuze sondern Rollkragen genäht.
    Beim Bündchen muss ich dir zustimmen – das fand ich auch recht hart und wenig elastisch.
    Ich hoffe ich schaffe noch ein paar Fotos 😉
    LG Petra

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