Kindersachen

Strampelanzüge können auch schnell gehen

Inzwischen bin ich mitten in der Babysachen-Herstellung für das neue Stöpselchen. Mit diesem Fokus sehe ich manchmal im Internet (und zwar viel mehr auf Facebook als in Blogs) die aufwendigsten Schnitte, mit Perfektionsanspruch, einem halben Kurzwarenladen drauf oder dran und noch dem dritten oder vierten exakt abgestimmten Accessoire dazu. Das ist gar nicht mein Anspruch, aber das darf ja jeder handhaben, wie er will. Was mich daran bloß tierisch nervt, ist die tussige, heuchlerische Einleitung: „Heute ist mir mal wieder ein Outfit für unseren Bauchzwerg von der Nähmaschine gehüpft.“ Nee, ehrlich. Genau an diesen Sets ist nichts gehüpft, da hat jemand stundenlang dran gesessen, und das darf er oder sie dann auch ehrlich so sagen. Und zweitens finde ich „Bauchzwerg“ einen extrem bescheuerten, überhaupt nicht niedlichen Begriff. Da habe ich einen hässlichen, bärtigen Gartenzwerg mit verkniffenem Gesichtsausdruck und Bierbauch vor Augen. So, jetzt hab ich mich geoutet.

Nachdem ich das mal los bin, präsentiere ich hier einen Gegenpol: Ich habe aus einem Stoffrest einen Strampelanzug für das Baby geschnitten, an dem das Aufwendigste war, passendes Garn in die Nähmaschine einzufädeln und nachher farblich passende Druckknöpfe aus der Schublade zu kramen. Das hat insgesamt, inklusive Zuschnitt, eineinhalb Stunden konzentrierte „Arbeit“ gekostet, der Anzug hat kein Tamtam dran oder drauf, und ich mag ihn trotzdem!DSC_0083 (2)Das Schnittmuster ist der Pikku Haalari von Näähglück, also der Einteiler für die Windelkinder. In den großen Größen hat er ein paar Abweichungen und heißt nur Haalari, aber 56 ist eindeutig klein. Mein Stoffrest waren Regenschirm-Mäuse von Lillestoff, und auch wenn das sicher nicht jeder so sieht, finde ich ihn für Mädchen und Jungen gleichermaßen passend. Ausgesucht hat ihn nämlich mein damals Fünfjähriger.

In der kleinen Größe ist der Zuschnitt wirklich harmlos: ein Rückenteil im Bruch mit angeschnittenem Ärmel, zwei Vorderteile, ein Halsbündchen, Ärmelbündchen und vier Fußteile. Eigentlich gehören noch Beinbündchen in den Füßlingen dazu, aber ich nähe Haalari oft ohne. Bei Babys finde ich nicht schlimm, wenn der Fuß nachher irgendwo auf Kniehöhe steckt. Das machen die kleinen Frösche doch oft so. Hauptsache warm.DSC_0087Das Halsbündchen wird nach dem Schließen der Schulternähte sozusagen zwischen die Knopfleiste genäht, die am Ende dreifach liegt. Das klingt kompliziert, aber es ist in der Anleitung sehr klar bebildert, und nachdem ich es das erste Mal geschafft hatte, hatte sich auch dauerhaft das Fragezeichen im Kopf aufgelöst. Für die Lagen der Knopfleiste sind im Schnittmuster Markierungen vorhanden, an denen man klappen soll. Ich mache dort beim Zuschneiden immer Knipse in den Stoff, und dadurch lässt sich das supergut umklappen. Der Stoff knickt an den kleinen Knipsen selbst um, dadurch hat man schon mal oben und unten eine sicher korrekte Orientierung.DSC_0084 (3)In der Anleitung ist eigentlich nicht vorgesehen, dass man das Halsbündchen absteppt, aber wenn ich daran denke, mache ich das gern in einem Rutsch: Knopfleiste bis zum Halsausschnitt, einmal rund ums Bündchen und auf der anderen Seite vom Hals die Knopfleiste runter. Die drei Lagen der Knopfleiste fühlt man sehr gut durch, dadurch kann man auch von rechts pannenfrei absteppen.DSC_0086 (2)Danach bleiben ja „nur noch“ die Seitennähte, die Innenbeinnaht und die Bündchen bzw. Füßlinge. Das ging wirklich schnell. Und ich hatte zufällig perfekt passende Druckknopfkappen; ich zehre immer noch von meiner 200-Kappen-Mischung von Tigerlilly, die ich mal bestellt habe. Da passt fast immer irgendwas.DSC_0085Den unverzierten, accessoirelosen und schlichten Babystrampler finde ich super. Der Stoff spricht ausreichend für sich, und ich stehe dazu, dass Arbeit drinsteckt. Das darf auch so, da bin ich stolz drauf. Das Schnittmuster liegt schon für den nächsten Stoff bereit.

Verlinkt zu Menschen(s)kinder, Sew Mini, der Bio-Linkparty, Selbermachen macht glücklich und Nähzeit am Wochenende

13 Kommentare zu „Strampelanzüge können auch schnell gehen

  1. Liebe Meike,
    ich habe beim Lesen geschmunzelt und genickt! Diese Heuchelei geht mir auch gehörig auf den Keks. Und mit viel Getüddel muss man mir auch nicht kommen.
    Ich finde den kleinen Strampler sehr schön. Kindgerecht, fröhlich, praktisch und so niedlich winzig.
    Liebe Grüße! Tina

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    1. Hallo Tina! Alles andere hätte mich auch gewundert, dafür nähst du zu ähnlich wie ich. Ich freu mich auch drauf, diesen Strampler zu nutzen. Bisher hab ich wirklich nur Socken gekauft und alles andere genäht!
      Liebe Grüße!

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  2. Ah, ich fremdele nicht allein mit hüpfenden Nähwerk en unde Bauchzwergen! 🙂
    Der Strampler ist zuckersüß! Und ich finde den Stoff auch super für Mädchen und Jungen geeignet. Wobei ich momentan sowieso dazu tendiere, dass wahre Neutralität bedeutet, dass sowohl Mädchen als auch Jungen jeweils sowohl mädchen- als auch jungstypische als auch neutrale Sachen tragen dürfen. Aber in der Realität funktioniert das vermutlich leider nur bis zu einem Alter, in dem andere Kinder zu hänseln und zu mobben beginnen. In dem Zusammenhang finde ich es übrigens echt super, dass Eure Jungs zumindest zuhause auch Kleider tragen mögen.
    Liebe Grüße
    Victoria

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    1. Hallo Victoria!
      Du hattest schon beim Sew-Along so tolle bunte Unisex-Sachen genäht, dass ich bei dir auch sicher gewesen wäre, mit einer Anti-Blau-Rosa-Haltung auf Gegenliebe zu stoßen. Ja, über die Kleider und Rosa-/Lila-Stücke bei meinen Jungs freu ich mich auch immer besonders. Aber die Gesellschaft (die klischeevermittelnden Eltern) ist an den meisten Stellen noch nicht weit genug für echte Toleranz.

      Liebe Grüße!

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  3. Ach ich lese so gern bei dir, weil es mir so sehr aus der Seele sprich … oft schüttel ich den Kopf bei all den „komischen“ Ausdrücken und ja ich finde man darf auch sagen wie lang man an sowas gesessen hat – ich ewig als Nähschnecke 🙂 – und ich mag es auch gern schlicht und diesen Babyanzug finde ich mit der Knopfleiste und diesem eingenähten Halsbündchen (deine Erklärung ist gut, ich kann es mir jetzt halbwegs vorstellen) aus dem tollen Stoff einfach super. Ich hoffe mit Inhalt wird er strahlen. LG Ingrid

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  4. Ein tolles Teil. Bei den Anmerkungen bin ich auch bei dir. Mein einziger Zeitverzögerer wären die Druckknöpfe. Das will bei mir immer nicht funktionieren und so brauche ich ewig zum Anbringen und dann halten sie doch nicht.

    LG Anja

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    1. Danke, Anja!
      Ich habe inzwischen festgestellt, dass die meisten Näh-Aufgaben mit den richtigen Hilfsmitteln so viel leichter gehen. Ich habe so eine Druckknopfzange mit lila Griffen. Da sind die einzigen Pannen gelegentlich, dass ich die Teile falschrum einsetze. Sonst klappt das reibungslos…
      Liebe Grüße!

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  5. Ich habe nicht ein Teil, das von meiner Nähmaschine gehüpft ist – dann bräuchte es mich doch gar nicht mehr für mein Hobby – oh weh! Ich stehe dazu, dass ich Zeit und Hirnschmalz in Schnitt- und Stoffwahl sowie das nähen investiere – und ich bin stolz drauf.
    Dein Strampler sieht bequem und gemütlich aus – das wichtigste für Kinderkleidung! Ich wünsche dir viel Freude dabei, das kleine Stöpselchen darin einzupacken.
    LG Petra

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  6. Liebe Meike, ich habe sehr gelacht bei diesem Post – und Du hast mir (mal wieder) aus der Seele gesprochen. Viele Begriffe, die rund um das Thema „Schwangerschaft“ entstehen, sind mehr als schräg, allen voran der „Bauchzwerg“ 🙂 Und dieses Understatement-Getue ist auch alles andere als meins…das hat auch nichts mit Bescheidenheit zu tun, sondern ist schlicht „fishing for compliments“.
    Aber nun noch zu meinem Kompliment: Der Stramper ist mega-süß! Wunderschön und sicher wird das kleine Stöpselchen darin hinreissend aussehen! Liebe Grüße! Karin

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  7. Ich finde so Teile ohne viel Tamtam super. Was sollte auf so einen Stoff noch drauf oder dran? Und dann bitte so, dass es ein Baby nicht stört?! Ach ja und sehen sollte man das Baby ja vielleicht auch noch in dem Teil… Also du hast alles richtig gemacht. 😉
    Meine Tochter ist gerade voll angenervt. Seit gestern sind die Haare wieder kürzer. Danach musste es dann aber ganz dringend ein Kleid sein, damit sie als Mädchen wahrgenommen wird. Gleichzeitig findet sie ein Kleid unpraktisch. Ich finde es so krass, dass eine 3jährige auf der einen Seite echt das Selbstbewusstsein hat und sich die Haare abschneiden lässt und auf der anderen Seite ein Kleid fordert um ihr Geschlecht klarstellen. Was da an genderorientierten Klischees schon fest programmiert ist.
    Viele Grüße von Maryme

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    1. Hallo Maryme!
      Da bin ich auch überrascht, dass eine Drei- oder Vierjährige schon ein so deutliches Bewusstsein für ihre Außenwirkung hat. Eigentlich sollte es da doch nur um Wohlfühlen gehen, oder? Da trägt bestimmt Kita eine Menge zur Klischeebildung bei…
      Viele Grüße!

      Gefällt 1 Person

      1. Ja, ich war auch froh, dass ich saß als sie mit der Kleididee um die Ecke kam. Sie hat vorher viel gefragt, woher man weiß, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich bin stolz auf sie, dass sie sich trotzdem hat die Haare wieder kurz schneiden lassen. Das war ihre Idee, dass mal wieder Frisör fällig ist.
        Immerhin hatten wir bis jetzt immer einen männlichen Erzieher in der KiTa.
        In der Gruppe sind Mütter, die ihren Töchtern die Kurzhaarfrisur verweigern, weil es doch Mädchen sind…
        Ich werde weiterhin versuchen, sie mit genug Selbstbewusstsein auszustatten, damit sie ihr Ding machen kann. Und ein Kleid darf es natürlich auch sein.
        In ein paar Tagen wird sie 4.
        Viele Grüße von Maryme

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