Für Erwachsene

Übergangsmantel Sóley mit Raglanärmeln

Im Februar habe ich beim Probenähen des Raglanmantels Sóley von muckelie mitgemacht. Mich hatte der Schnitt gereizt, weil ich einen Mantel mit Raglanärmeln bis dahin weder besaß noch bewusst gesehen hatte, und meinen Schultern kommen Raglanschnitte immer sehr entgegen. Der Mantel ist gefüttert, und bevor ich die „guten“ Stoffe angeschnitten habe, habe ich tatsächlich erst mal eine Probejacke genäht. Ich glaube, das habe ich noch nie gemacht, bisher habe ich immer einfach drauflosgenäht.

Hier hatte ich aber sowieso noch eineinhalb Meter türkisen Sommerwalk, den ich mal – vor etwa zwei Jahren – für einen Schnitt gekauft hatte, der mir inzwischen gar nicht mehr gefällt. Da konnte ich also gut verschmerzen, ihn mit Risiko zu zerschneiden. Diese Probejacke saß prima. Allerdings reichte der Probestoff nicht mehr für die Belege. Entweder mache ich also am Ende was anderes aus der Probejacke (und zerschneide sie noch mal) oder ich füttere sie kreativ. Erst mal liegt sie auf dem UFO-Stapel.

Nach dem erfolgreichen Passformcheck habe ich mich dann aber getraut, den kobaltblauen Wollwalk zu zerschneiden, den ich für den Mantel bestellt hatte. Für das Innenfutter habe ich dunkelblaue Popeline gewählt; ich wollte zur Abwechslung mal schlicht. In der Anleitung ist sehr genau erklärt, welche Teile warum wie zuzuschneiden sind, das hat mir schon mal gefallen.

Die Außenjacke hat Außentaschen, deren obere Hälfte aus Walk und untere Hälfte aus Futterstoff besteht. Die Hälften werden verbunden und dann je auf die oberen und unteren Jackenteile genäht. Die Jacke ist auf der vorderen Mitte diagonal geteilt, und in dieser Teilung sitzen die Taschen. Das war gut bebildert und leicht zu nähen, und mit den paar langen Raglannähten hatte ich dann schon mal eine fertige Außenjacke mit gemütlichen Eingrifftaschen. Das hat mir Auftrieb gegeben für das Futter, vor dem ich echten Respekt hatte.DSC_0161Das Futter für die vorderen Jackenteile ist getrennt in einen vorderen Beleg aus Walk und den Rest aus Popeline. Hinten wird das Futter komplett aus Futterstoff zugeschnitten und bekommt dabei mittig eine Bewegungsfalte (war mir auch neu, das Konzept), oben wird ein Stück am Halsausschnitt aus anderem Stoff zugeschnitten. Empfohlen ist in der Anleitung Plüsch oder Teddy, aber das habe ich mir so schwitzig vorgestellt und deshalb einen Rest Jacquard-Jersey verwendet.DSC_0182Die Anleitung für das Futter beginnt mit dem Nähen der Paspeltasche in einem Vorderteil. Vor dem Ding hatte ich wirklich ein bisschen Bammel, schon allein, weil so viele beim Probenähen mit Ehrfurcht davon geschrieben haben. Technisch kann man so eine Paspeltasche sicher bewältigen, aber damit sie sauber aussieht, kommt es wirklich auf Millimeter an. Und das ist nun wirklich überhaupt nicht meine Stärke. Ich bin trotzdem frohen Mutes ans Werk gegangen und kam auch mit den ersten Fotos gut zurecht. Haarig wurde es, als ich erste Taschenhälfte und Paspelstreifen schon angenäht hatte und dann irgendwie die zweite Taschenhälfte aufsteppen sollte. Ich konnte weder an den Fotos noch an der Anleitung so richtig zweifelsfrei verstehen, wie genau ich jetzt falten, bügeln und steppen muss, und habe das dann nach Verstand gemacht. Es hat einigermaßen geklappt, aber der fertige Eingriff ist charakteristisch krumpelig. Ich tröste mich damit, dass er innen ist und keiner das kontrollieren wird…DSC_0157Die Futterteile werden dann genauso aneinandergenäht wie die Außenjacke. Der einzige (dicke) Haken ist, dass man sozusagen rundherum nähen soll. Also beide Vorderteilbelege an die Außenjacke, dann Futtervorderteil an Beleg, Ärmel an Futtervorderteil, Rückenteil an Ärmel, nächsten Ärmel ans Rückenteil, Futtervorderteil, und das dann an den zweiten Vorderteilbeleg. In einem Ärmel bleibt eine Wendeöffnung. Das ist logisch kein Problem, aber logistisch. Ich hätte lieber einfach die dünne, leichte Futterjacke genäht und dann erst beide Vorderteile an die Vorderteilbelege. So habe ich bei der gesamten Futterjacke die dicke Walkjacke mit über den Tisch und am Nähfuß vorbeigezogen. Das fand ich lästig und fusselig.DSC_0171An den beiden verbundenen Jacken werden dann die Ärmelsäume rechts auf rechts aneinandergenäht (ich kenne das unter dem Namen Rüsselmethode) und Saum sowie Halsausschnitt geschlossen. Bei der Jacke ist kein Aufhänger vorgesehen, und das fand ich ziemlich unpraktisch. Ich kann ja schlecht von meinen Kindern verlangen, ihre Sachen aufzuhängen, und meine eigene Jacke irgendwo abwerfen, weil sie nicht aufhängbar ist. Deshalb habe ich einen Aufhänger im Halsausschnitt mitgefasst und beim abschließenden Absteppen nach unten gesteppt, damit er nicht hochsteht.DSC_0183An der Stelle kam der für mich grausamste Abschnitt der gesamten Jackenfertigung. An beiden Ärmeln und dem unteren Saum soll die Nahtzugabe mit einem „Hexenstich“ von innen an die Außenjacke geheftet werden, und zwar so, dass das von außen unsichtbar ist, man also nur die oberen Fasern der Außenjacke mit der Nadel fasst. In der Anleitung sah dieser Stich astrein aus. Ich hatte nur keine Ahnung, wie ich den nachmache. Also habe ich erst mal einfach angefangen, so schwer kann das ja nicht sein. Die ersten fünfzehn, zwanzig Zentimeter sahen aus wie Dritte-Klasse-Handarbeit-Wir-tasten-uns-an-Nadel-und-Faden.DSC_0148 (3)So ein Mantelsaum in Größe 42 ist seeeehr, sehr lang, da hatte ich viel Strecke zum Üben, und am Ende war der Stich nicht schön, aber wenigstens strukturiert und gleichmäßig.DSC_0149 (3)Ich habe aber innerlich echt mit den Zähnen geknirscht bei dem blöden Handnähen. Ich hasse das!

Wenigstens hatte ich danach das Schlimmste geschafft und konnte die Jacke wenden. Ich hatte die empfohlene Wendeöffnung von gut 20 Zentimetern gelassen. Beim nächsten Mal würde ich die aber in der Seitennaht lassen und nicht im Ärmel. Einen ganzen dicken Walkmantel durch einen Futterärmel zu wenden, das ist echt kein Geschenk, und ich hatte immer wieder Angst, dass der Stoff an der Naht ausreißt.

Es hat aber geklappt, und damit fehlten mir nur noch das Absteppen der gesamten Außenkante und die Knöpfe zum Schließen. Über das Abstepp-Ergebnis habe ich mich richtig gefreut, das ist überraschend gleichmäßig und sauber geworden. Hab ich sonst selten beim Absteppen.DSC_0162Die Jacke hat keine Überlappung vorn, zumindest keine, die eine Knopfleiste möglich macht, und darauf ist in der Anleitung auch extra hingewiesen. Es sollen also eher Knopfschlaufen und Knebelknöpfe oder Ähnliches verwendet werden. Ich hatte keine Knebelknöpfe und mag sie auch nicht besonders, aber ich hatte noch riesige Knopfrohlinge. Die habe ich mit einem Rest Popeline bezogen und war fertig.

Für die Knopfschlaufen habe ich mir eine Schablone gezeichnet und drei „so Dinger“ aus weißem SnapPap ausgeschnitten. So Dinger eben, mit denen man Kordel und Ösen befestigt. Passende Kordel hatte ich überhaupt nicht und habe deshalb Schnüre aus einem ausrangierten Fädelspiel des Stöpselchens zweckentfremdet.DSC_0184Das Ergebnis finde ich prima, zumal es in meiner Planung eh nur Deko ist. Wenn die Jacke nicht überlappt, schließt sie auch nicht zugluftfrei, und dann kann ich sie auch gleich offen lassen und das Risiko minimieren, dass die Ösenknöpfe abgehen. Das tun sie bei mir nämlich chronisch, egal wie viele Knoten und Umdrehungen ich beim Annähen mache.

Mit dem Mantel bin ich sehr, sehr zufrieden. Er hatte schon in der ersten Schnittversion ausreichend lange Ärmel, an denen ich nichts verlängern musste, ich kann sogar die Arme heben, ohne bis zum Unterarm nackte Haut zu haben, und die Länge mag ich auch gern.DSC_0166Figurbetont soll er gar nicht sein, und für mich ist absolut komfortabel, dass nichts spannt oder klemmt oder zu kurz ist. Insofern war das Probenähen eins mit sehr erfreulichem Ergebnis. Die doofe Paspeltasche würde ich mir beim nächsten Mal wahrscheinlich sparen; ich habe ja zwei Eingrifftaschen, das reicht.DSC_0152 (2)Jetzt muss es nur ein bisschen wärmer werden, damit ein offener Mantel nicht zu Frostbeulen und Zähneklappern führt!DSC_0165

Verlinkt zu RUMS

Der Schnitt wurde mir im Rahmen des Probenähens kostenlos zur Verfügung gestellt. Was ich darüber schreibe, bleibt unbeeinflusst und ehrlich.

9 Kommentare zu „Übergangsmantel Sóley mit Raglanärmeln

  1. Steht dir sehr gut. Die Farbe ist toll und die Knopflösung auch.
    Hexenstich habe ich zum ersten und letzten Mal im Handarbeitsunterricht in der 4. Klasse gemacht. ;o)
    Liebe Grüße! Tina

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    1. Huuu, wir hatten in der Vierten zum Glück Laubsägen und nicht Nähen. Aber so hat mich der Hexenstich mit 35 eingeholt… Ich hatte den Mantel heute bei elf Grad zum ersten Mal draußen an – es wird Frühling!!!
      Liebe Grüße!

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  2. Eine ganz tolle Farbe ist das. Steht dir sehr gut.
    Und ja, das kann ich mir vorstellen, dass dicker Stoff durch nicht so dicken Ärmel zum Wenden wirklich kein Spass ist.

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