Allgemein · Für Erwachsene

Glück im Spiegel

In einem Anflug von Übermut habe ich mir den Schnitt „Sweatblazer Lady Grace“ von mialuna gekauft. Übermut, weil ich schon lange nicht mehr zählen könnte, wie viele Blazer ich anprobiert und frustriert wieder ausgezogen habe. In meinem Kleiderschrank ist genau ein Blazer, und der ist maßgefertigt. Ich fand den Ebook-Kauf aus dieser Erfahrung heraus mutig, zumal ich ziemlich sicher war, dass meine bewährte Änderungstechnik „drei Zentimeter weiterrücken“ für Schulterpartien in T-Shirts hier scheitern würde. Aber gut, wer nicht wagt und so weiter…

Der Schnitt lag eine Weile, zusammen mit herrlichem Anker-Jacquard-Jersey ALOFI in Blau-Weiß von Swafing. Ich konnte mich lange nicht zum Schneiden und Nähen aufraffen, weil ich immer auf den Tag gewartet habe, an dem ich das störungsfrei und ohne nachher kopfstehende Anker angehen kann. Mit den kleinen Stöpseln sind das die rot blinkenden im Kalender. Den entscheidenden Motivationsschub hab ich am Ende aus einem Facebook-Post von der wunderbaren Fredi von Seemannsgarn handmade gezogen, die ganz schlicht fragte, was gerade ganz oben auf der to-sew-Liste stehe. Da hab ich beschlossen, dass ich die Unterhemden, kurzen Hosen und T-Shirts für die kleinen Stöpsel jetzt mal liegen lasse und an mich denke.

Im Vergleich mit der Maßtabelle musste ich die Ärmel einige Zentimeter verlängern. Abgesehen davon traf Größe 42 sehr gut auf meine Maße zu, auch wenn ich mir ein Stückchen Rückenlänge mehr hätte vorstellen können. Das war mir aber zu heikel, das zu ändern, weil daran der vordere Umschlag inklusive Beleg hing. Also habe ich es so gelassen.

Die Anleitung zum Schnitt finde ich gut gemacht. Für die Bebilderung hätte ich mir einen Stoff mit anderer Rückseite gewünscht; die Fotos sind nicht ideal beleuchtet und der Stoff hinten nur etwas dunkler blau als vorn. Allerdings lässt sich das durch die Beschreibung doch überall klären, und für den Beleg sind andere Stoffe fotografiert, damit man es besser erkennt.

Ich hatte von vornherein geplant, Kragen und Beleg nicht aus dem Anker-Stoff zu schneiden, sondern aus einem festen, dunkelblauen Jersey. Nur Anker fand ich am Ausschnitt zu unruhig. Am Ende stellte sich das als prima Entscheidung heraus, meine eineinhalb Meter Jacquard-Jersey hätten nämlich für Größe 42 allein gar nicht gereicht.DSC_2677An den Belegen ist die Nahtzugabe schon eingezeichnet. Der Schnitt ist überhaupt offenbar sehr sorgsam gezeichnet, so dass auch an den Stoßstellen des Kragens kein Gekrumpel entsteht, wenn man ordentlich zuschneidet. In der Anleitung ist empfohlen, den Kragen sowie die Vorderkanten (Beleg und Außenstoff) mit Gewebeeinlage zu verstärken, wenn man sehr dehnbare Stoffe verwendet. Ich habe das sicherheitshalber gemacht. Im fertigen Zustand fand ich diese Stellen dann aber viel zu steif und habe die Einlage vorn wieder herausgetrennt. Am Kragen ist es in Ordnung, der klappt sich auch mit Einlage vernünftig um, aber ich wollte gern, dass sich der Blazer vorn ein bisschen der Körperkontur anpasst.DSC_2671DSC_2674Der Beleg im Rücken wird am Oberstoff festgenäht, und da hab ich mir ein bisschen Spielerei mit der Coverstitch erlaubt. Ich habe ihn von der linken Seite fixiert, so dass man außen die eigentlich „falsche“ Unterseite der Naht sieht, damit es von hinten einen Blickfang gibt. Die Taschen habe ich zwar auch mit der Coverstitch-Maschine befestigt, wollte den Blazer aber mit dem Label „bürotauglich“ versehen können und deshalb nicht zu viele Experimente wagen. Die Taschen haben daher klassische Covernähte von rechts bekommen.DSC_2666Insgesamt näht sich das gute Stück dank der ausführlichen Anleitung sehr unaufgeregt und pannenfrei. Die Knöpfe und Knopflöcher sind nicht mehr extra erklärt, das finde ich auch plausibel. An der Stelle habe ich meinen Obertransportfuß gegen den Knopflochfuß getauscht, Reststücke der verwendeten Stoffe vorgeholt und mit den Probelöchern begonnen. Das war eine echte Pleite. Der Anker-Jacquard verträgt keinen engen Zickzack-Stich. Ich habe es mit untergelegtem Jersey versucht, mit Papier drunter, mit dicker Vlieseline drunter, mit Jersey und Vlieseline – alles vergeblich. Der Stoff wurde nicht transportiert und hat sich festgefressen, jedes einzelne Mal. Dann habe ich den Knopflochfuß wieder abgenommen und es mit dem Obertransportfuß versucht, wieder mit allen verfügbaren Hilfsmitteln. Nichts zu machen, Zickzackstich war raus.

Da Jersey nicht ausfranst, habe ich am Ende vorsichtig lange, schmale Rechtecke mit dem dreifachen Geradstich genäht und die in der Mitte aufgeschnitten. Es passt, hält und fällt nicht auf, und einen optischen Makel finde ich es nicht mal. Ist eben nur kein typisches Knopfloch.DSC_2675Den fertigen Blazer finde ich super. Er sitzt gut, trägt sich bequem, sieht dabei aber auch noch schick aus, und ich hätte mit Sicherheit zig Anproben in schlecht belüfteten Bekleidungsgeschäften gebraucht, um etwas zu finden, das so gut passt und mir so gut gefällt. Außerdem ist wirklich ein erhebendes Gefühl, wenn es in der Schulterpartie beim Anziehen weder knackt noch klemmt und ich die Arme nach vorn strecken kann, ohne bis zum Unterarm nackte Haut freizulegen. Der freie Tag war perfekt genutzt.

Mit diesem Blogpost gebe ich mir selbst mein RUMS-Debüt…

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8 Kommentare zu „Glück im Spiegel

  1. Wow, der ist ja toll geworden. Bei mir käme wohl auch nur selber nähen in Frage. Habe aber ein zwei gute Sweat Blazer im Schrank, da zwickt und zwackt es nicht ganz so sehr, die dürfen also bleiben, aber ansonsten fallen Kauf-Blazer und -Blusen eben leider raus. Also vielleicht irgendwann mal. 😉
    Du hast übrigens einen wunderhübschen Blog!
    Liebe Grüße
    Jule

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