Allgemein · Kindersachen

Zweite Chance auf Begeisterung vertan

Nachdem ich mit dem Baby-Shirt-Schnitt aus dem Klimperklein-Buch „Kinderleicht – Nähen mit Jersey für Kids“ von Pauline Dohmen nicht warmgeworden bin, wollte ich mir und dem Buch eine zweite Chance geben und einen anderen Schnitt ausprobieren. Manchmal hakt es ja nur an einer einzelnen Stelle.

Der Große wünscht sich seit Wochen glühend eine „Wikinner“-Jacke. Ich hatte den Wikinger-Sweat von Lillestoff irgendwann mal als 30-Zentimeter-Coupon gekauft und daraus einen Loop-Schal genäht. Der Junge wollte aber „was Richtiges mit Wikinnern“! (An der Korrektur von Wikinnern auf Wikinger scheitern wir dauerhaft und haben das jetzt als liebenswerte Abwandlung des Worts verbucht.) Den Sweat gibt es zurzeit nur als Zweite Wahl zu kaufen, aber das war uns egal. Auf Nachfrage sollte es eine Jacke mit Kapuze sein. Prima, das kommt im Kinderleicht-Buch vor.

Ich habe die Anleitung aufgeschlagen, den Schnittmusterbogen ausgebreitet und mit dem verhassten Abpausen begonnen. Schon dabei gab es die erste Irritation. Das Ärmelbündchen wird dort mit „Stoffbruch“ bezeichnet. Wenn man es aber so ausschneidet, also doppelt so lang wie aufgezeichnet, dann erreicht man damit Trompetenärmel. Das ist eindeutig falsch.

Zweite Irritation, als ich mir sicherheitshalber einen Überblick verschafft habe, welche Stücke aus welchem Stoff zu schneiden sind. Auf dem Modellfoto ist ein kleiner Junge in einer netten, gestreiften Sweat-Jacke zu sehen, der die Kapuze aufgezogen hat und… die Hände in den Jackentaschen! In der Anleitung kommen aber keine Taschen vor. Weder bei den Schnittteilen noch irgendwo in der Nähanleitung. Die ist einfach ohne. Was an sich nicht schlimm ist, aber warum ist das Modellbild dann mit Taschen?

Ich habe die Taschen trotzdem abgepaust und nach Logik genäht; die Machart konnte ich ja am Foto erkennen.

Dritte Irritation beim Nähen: Es wird aufgelistet, wie mit der Kapuze zu verfahren ist. Außenkapuze schließen, Futterkapuze schließen, Kapuzen an der vorderen Naht aneinandernähen, wenden, bügeln, auf Wunsch absteppen, an den Halsausschnitt stecken. Ärmelbündchen einnähen. Moment! Was ist mit der Kapuze? Die bleibt gesteckt? Kurzes Überfliegen im weiteren Verlauf: Nee, das Annähen ist vergessen worden. Auch nicht dramatisch, ich bin ja nicht doof, und dass man irgendwann die Kapuze annähen muss, ist irgendwie klar.

DSC_2415Kritisch sehe ich aber, dass das Buch speziell für Nähanfänger angepriesen, in sozialen Netzwerken sogar gehypt wird. Aus der Beschreibung auf thalia.de: „Pauline Dohmen, in der Zielgruppe bekannte und vernetzte Bloggerin und Gründerin des Labels Klimperklein, führt selbst Anfänger Schritt-für-Schritt ans Ziel.“ Nein, das stimmt einfach nicht. Für Anfänger ist irritierend, wenn das Annähen der Kapuze fehlt. Ein Anfänger, der brav so ausgeschnitten hätte, wie ihm das Schnittmuster vorgibt, hätte sich ein ordentliches Stück Bündchen verhunzt. Und für einen Anfänger ist auch frustrierend, wenn er dieses Jackenfoto mit den kuschelig-gemütlichen Eingrifftaschen sieht und Letztere in der Anleitung nicht vorkommen. So, wie sie an die Jacke genäht werden müssen, kommt das nämlich auch nirgends anders im Buch vor. An anderer Stelle wird eine im Stoffbruch zugeschnittene Bauchtasche auf einen vorn geschlossenen Pullover genäht. Für einen Anfänger ist nicht selbstverständlich, das mit zwei halben Taschen auf eine Reißverschluss-Front zu übertragen.

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Nee, tut mir leid: Ich finde das Buch grandios überschätzt. Die EBooks von Pauline Dohmen sind genial und ihren Preis zweifellos wert. Dafür, dass das Buch aber so in die himmlischen Sphären gelobt wird, dem frech Verlag den Glücksgriff des Jahres 2015 beschert hat und Monate im Voraus schon zigmal vorbestellt war, ist es unsauber geschrieben, unkonzentriert bebildert und darf solche Flüchtigkeitsfehler wie einen überflüssigen Stoffbruch nicht haben.

Ich stell es erst mal ganz hinten in die Nähbibliothek. Auf eine dritte Chance habe ich gerade keine Lust. Vielleicht später. Die Jacke ist gut geworden, der große Stöpsel trägt stolz und glücklich seine Wikinner, aber das ist trotz der Anleitung so, nicht dank ihr.

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