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Wie „Mobby“ zu uns kam

Als der große Stöpsel noch unter „Kleinkind“ lief, habe ich von Freundinnen das wirklich schöne Buch „Meine zauberhafte Spielwelt: Genähte Accessoires und Spielgefährten fürs Kinderzimmer“ von Bettina Schons bekommen, erschienen 2012 im frech Verlag. Die Frau entwirft und vertreibt unter dem Label HerzensTreu Spielzeuge, Kuscheltiere, Accessoires und Sonstiges rund ums Kind.

Die Sachen aus dem Buch eignen sich hervorragend zum Verschenken. Die Anleitungen sind gut, problemlos verständlich und strukturiert. Ich hatte schon mehrfach Kuscheltiere und Spielzeug gemacht, als sich der zweite Geburtstag des Großen näherte und ich beschloss, dass es für diesen Anlass etwas richtig Gutes sein müsse, etwas Bleibendes, etwas mit richtig Herzblut. Dem Entschluss folgend, suchte ich das Projekt „Siegfried Sitzsack“ aus, eine Sitzsack-Hülle mit Armen, Beinen und Hundekopf. Hier das Foto aus dem Buch:


Genau die gleichen Stoffe wollte ich nicht, und wegen meiner Polyester-Aversion habe ich als Grundstoff Frottee statt Plüsch gewählt. In den folgenden Tagen habe ich diverse Paketboten mit riesigen Paketen voller Füllwatte, Styropor und Stoffen im fünften Stock begrüßt. Das Gesamtwerk besteht aus einem Innensack und der Außenhülle. Der Innensack war kein Thema; ein paar Teile aus Baumwollstoff mit einer Füllöffnung für die Styroporperlen.

Der Hund ist gemein aufwändig, weil laut Anleitung unheimlich viel per Hand genäht wird. Von oben nach unten besteht der Kopf aus nur zwei Stücken, die allerdings bis zum Hosenbund reichen und die Nase offenlassen. Die Ohren werden durch einen Schlitz in der Seite des Kopfteils gezogen und von innen festgenäht. Die Nasenspitze ist der Anleitung zufolge einzeln aus zwei Stücken zusammenzusetzen, zu füllen und dann per Hand an die offene Nase zu nähen.

Körper- und Hosenteile werden mit Maschinennähten gefertigt. Richtig, richtig gemein waren die Extremitäten. Die Arme sollten aus Ober- und Unterteil zusammengesetzt und gefüllt werden, danach musste man erst die Wendeöffnung mit der Hand schließen und dann den Arm per Handnaht am Körper anbringen, und das ja zweimal. Das klingt nicht so schlimm, aber man hat es dabei mit riesigen, teilweise steifen Teilen zu tun, die sich nicht so legen und drehen lassen, wie man das bräuchte. Ich hatte den ganzen Schoß und das Sofa um mich herum voll mit Stoff und Fusseln, und noch nie und nie mehr habe ich so geflucht wie bei diesen Nähten. Wobei das Schlimmste noch kam: Füße und Beine werden ebenfalls einzeln genäht und gefüllt. Die Verbindung: Nähte von Hand. Ich habe mir bei der Arbeit geschworen, dass kein Geschwisterkind jemals einen zweiten Hunde-Sitzsack bekommt.

Als die Hülle fertig war, musste hinten noch ein Reißverschluss in die Rückenöffnung eingesetzt werden. Der Innensack wird in die Hülle gesteckt, dort mit Styroporperlen gefüllt und von Hand verschlossen.

Tja, an der Stelle habe ich entdeckt, dass die Fotos im Buch ziemlich unehrlich und die Mengenangaben für die Styroporfüllung auch praxisfremd waren, und das fand ich unglaublich ärgerlich. Ich habe mich genau an die Mengenempfehlung im Buch gehalten. Das hat auch alles in den Innensack gepasst, aber damit war er so prall gefüllt, dass kein Kind mehr auf dem Sack hätte sitzen können, zumindest nicht gemütlich. Ausprobieren konnte man das aber nur mit geschlossenem Innensack, weil sonst die Perlen ins gesamte Innenleben geplatzt wären. Ich habe den Sack zwei Mal wieder geöffnet und Perlen rausgeholt, bis sich überhaupt eine Sitzmulde bilden konnte, die gemütliches Sitzen ermöglicht. Das bedeutete aber drei Mal Schließen mit der Hand. Da war ich richtig bedient.

Zweiter fetter Haken an der Sache: Der Kopf wird mit Füllwatte ausgestopft. Unterhalb des Kopfes ist ein Leerraum, der mit dem styroporbeperlten Innensack gefüllt wird. Selbst wenn der Sitzsack prallvoll ist (und man folglich nicht drauf sitzen könnte), sitzt der Kopf aber nicht aufrecht drauf, sondern knickt ab. Das tut dem Nutzen keinen Abbruch, sieht aber nicht so elegant aus. Siegfried Sitzsack wirkt dann eher wie ein Besoffski auf dem Rückweg von seiner Party. Ich war echt frustriert.

Wenn man es weiß und darauf achtet, sieht man auf dem Modellfoto aus dem Buch, dass der Kopf an die Leiter gelehnt ist und der Bauch auch so prallvoll, dass das Ding nur zur Deko dienen kann. Fairer hätte ich aber ein Foto gefunden, auf dem man den Sack in benutzbarer Form findet. Für Deko ist der Aufwand zu hoch.

Wenigstens gab es am Geburtstag einen Lichtblick: Der große Stöpsel fand den Sitzsack toll und ist auch draufgeklettert, was das Zeug hielt. Einen Siegfried wollten wir ihm nicht als Freund schenken, zumal er beim damaligen Sprachentwicklungsstand vermutlich „ßiegfiet“ gesagt hätte. Wir haben uns deshalb für „Bobby“ entschieden – kurz, einfach und gut zu merken. Pustekuchen. Das Tier hieß von Stund an „Mobby“. Tagelang musste Mobby nachts am Bett des Kindes wachen und wurde tagsüber mit ins Wohnzimmer geschleift.

Im Ergebnis hat sich die Arbeit doch irgendwie gelohnt. Und an den Anleitungen im Buch würde ich auch gar nichts kritisieren. Ungeschickt bis unfair finde ich aber die sehr beschönigende Fotografie des Gesamtwerks und die fehlende Ausrichtung auf eine normale Nutzbarkeit. Das erzeugt unnötig Frust und Missmut nach Fertigstellung. Als Note würde ich für das Projekt deshalb höchstens „befriedigend“ verteilen.

Bildnachweis: Meine zauberhafte Spielwelt: Genähte Accessoires und Spielgefährten fürs Kinderzimmer, frech Verlag 2012

2 Kommentare zu „Wie „Mobby“ zu uns kam

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